Robert Francis Prevost â Der erste amerikanische Papst
Eine Biographie ĂŒber den BrĂŒckenbauer auf dem Papstthron und seine Vision fĂŒr eine erneuerte Kirche
AbenddĂ€mmerung ĂŒber dem Vatikan. Tausende Augen richten sich gespannt auf den Schornstein der Sixtinischen Kapelle. Es ist der 8. Mai 2025 â der Tag, an dem die katholische Kirche ihren neuen Pontifex wĂ€hlen wird. Der weiĂe Rauch quillt hervor: Habemus Papam! Die Glocken des Petersdoms beginnen zu lĂ€uten.
Kurze Zeit spĂ€ter tritt Kardinal Robert Francis Prevost in weiĂem Gewand auf die zentrale Loggia. Sichtlich bewegt blickt er auf die jubelnde Menge. In diesem historischen Moment spricht er zuerst Italienisch, dann Englisch: âLa pace sia con tutti voi⊠Peace be with all of you!" â Der Friede sei mit euch allen!
Seine ersten Worte geben den Takt vor: Er spricht vom guten Hirten Christus, der sein Leben fĂŒr die Menschen gab, und davon, dass auch er als Papst ein BrĂŒckenbauer des Friedens sein möchte. In diesem Augenblick jubelt der arbeiterschaftlich geprĂ€gte Stadtteil in Chicago, aus dem Leo XIV stammt, mit dem Petersplatz um die Wette â ihr âRoberto" aus der Nachbarschaft ist Papst geworden.
Nach dem Tod von Papst Franziskus im April 2025 versammelten sich 123 KardinĂ€le im Mai in der Sixtinischen Kapelle. Robert Prevost ging als sogenannter âDark Horse" ins Konklave: ein ernstzunehmender Kandidat, aber nicht auf den Wettlisten der Medien. Viele bezweifelten, dass ausgerechnet ein US-Amerikaner gewĂ€hlt wĂŒrde â zu groĂ schien die politische Weltmachtrolle der USA.
Doch manchmal hĂ€lt der Heilige Geist Ăberraschungen bereit: Am Nachmittag des 8. Mai fiel bereits im vierten Wahlgang die Entscheidung. Prevost erhielt eine deutliche Zweidrittelmehrheit und nahm die Wahl an.
Leo XIV wurde am 14. September 1955 als Robert Francis Prevost im SĂŒden von Chicago geboren. Er wuchs mit zwei Ă€lteren BrĂŒdern in einer katholischen Familie in der Vorstadt Dolton auf, in einem einfachen Viertel unweit der Stahlwerke der Stadt.
Louis Marius Prevost, WWII-Veteran (Normandie), Schulleiter französisch-italienischer Herkunft
Mildred Agnes MartĂnez, Lehrerin & Bibliothekarin, schwarze kreolische Familie aus Louisiana
Zwei Ă€ltere BrĂŒder (Louis MartĂn und John Joseph), gemischte kulturelle Wurzeln
Schon als kleiner Junge half âRob" eifrig als Ministrant in der St.-Mary-Pfarrkirche mit und spielte zuhause mit seinen BrĂŒdern begeistert âPriester und Messe". Diese frĂŒhe Berufung zum Priestertum zeichnete sich so deutlich ab, dass niemand ĂŒberrascht war, als Robert nach der Schule ins Seminar eintrat.
Nebenbei war er ein ganz normaler US-Teenager, der Baseball liebte und glĂŒhender Chicago-White-Sox-Fan war. Diese Liebe zum Baseball sollte ihn sein ganzes Leben begleiten â sogar nach seiner Papstwahl zeigte er sich als begeisterter Fan der WeiĂen Socken und neckte Kardinals-Sympathisanten.
Nach dem Highschool-Abschluss folgte Robert Prevost dem inneren Ruf. 1977 trat er in den Orden des heiligen Augustinus (O.S.A.) ein. Als Novize legte er bereits ein Jahr spĂ€ter, 1978, die ersten GelĂŒbde ab und band sich an die jahrhundertealte augustinische Ordensgemeinschaft.
Parallel dazu studierte er eifrig Theologie und Kirchenrecht. 1982 empfing Prevost â gerade 26 Jahre alt â in Rom die Priesterweihe.
Kaum promoviert, zog es den jungen Pater Prevost in die Ferne. Peru sollte seine zweite Heimat werden. Ab 1985 wirkte er als Missionar im Norden Perus â einer lĂ€ndlichen, oft armen Region. Elf Jahre lang lebte er vor Ort, zunĂ€chst in Chulucanas und dann in der GroĂstadt Trujillo.
Er bekleidete viele Rollen: Pfarrer in entlegenen Dörfern, Ausbilder junger Ordensleute, Dozent fĂŒr Kirchenrecht am Priesterseminar und sogar Richter am kirchlichen Gericht der Erzdiözese. Vor allem aber war er ein Hirte mit Schlamm an den Schuhen.
Bilder dieses âPapstes in Gummistiefeln" gingen nach seiner Wahl viral durchs Internet und zeugen von einem Seelsorger, der mitten unter den Leuten ist. Die Menschen in Peru nannten ihn liebevoll den âHeiligen des Nordens".
Prevost lernte flieĂend Spanisch und wurde 2015 sogar peruanischer StaatsbĂŒrger. Sein herzlicher, bodenstĂ€ndiger Stil â oft aĂ er mit den Bauern zu Mittag oder spielte mit den Kindern FuĂball â machte ihn bei den GlĂ€ubigen enorm beliebt. Diese Jahre in Lateinamerika prĂ€gten Robert Prevost zutiefst mit einer SpiritualitĂ€t der Option fĂŒr die Armen.
Die 2010er Jahre brachten Prevost zurĂŒck in die Heimat und in leitende Ămter. 1999 wurde er zunĂ€chst Provinzialoberer der Augustiner in Chicago; dann wĂ€hlte ihn der Orden 2001 zum weltweiten Generalprior in Rom â er war also oberster Chef aller Augustiner bis 2013.
In dieser Zeit reiste er viel, besuchte Augustinerklöster auf der ganzen Welt und machte sich einen Namen als fĂ€higer Organisator mit Sinn fĂŒr Gemeinschaft. Papst Franziskus wurde auf den erfahrenen Ordensmann aufmerksam.
In Rom galt Kardinal Prevost als ruhig, kompetent und loyal gegenĂŒber Franziskus' Reformkurs. Viele sahen in ihm einen ausgleichenden Charakter: theologisch konservativ in der Lehre, aber pastoral offen und dialogbereit. Sein eigener Bruder nannte ihn âmittelwegs â nicht links, nicht rechts, einfach in der Mitte".
Bei der VerkĂŒndung seines Namens raunte mancher verwundert: Leo XIV? Prevost wĂ€hlte bewusst den traditionsreichen Papstnamen Leo. Er tat dies in Anlehnung an Leo XIII., der 1891 mit der Enzyklika Rerum Novarum die moderne Soziallehre begrĂŒndete.
Rerum Novarum behandelte die Rechte der Arbeiter in Zeiten der Industrialisierung â Leo XIV knĂŒpft hieran an. Sein Name ist Programm: Er will die Soziallehre erneuern und anwenden auf die âneue industrielle Revolution" unserer Zeit, geprĂ€gt von Digitalisierung und KĂŒnstlicher Intelligenz.
Mit Leo XIV betont er also KontinuitÀt und Aufbruch zugleich: KontinuitÀt mit der katholischen Soziallehre und Aufbruch in die Zukunft einer sich rasant wandelnden Welt.
Nach seiner Wahl legte Leo XIV einen schlichten, aber symboltrĂ€chtigen Amtsstart hin. Am 9. Mai 2025 feierte er mit den KardinĂ€len eine Messe in der Sixtinischen Kapelle. In seiner ersten Predigt sprach er von der Glaubenskrise vieler Menschen und davon, dass die Kirche ein Licht in der Dunkelheit sein mĂŒsse.
Die feierliche Inaugurationsmesse fand am 18. Mai 2025 auf dem Petersplatz statt, mit zehntausenden GlÀubigen und Delegationen aus aller Welt. Dabei empfing Leo XIV das Pallium (das Schultertuch des Hirten) und den Fischerring als Zeichen seiner Amtsvollmacht.
Leo XIV zeigte von Beginn an GespĂŒr fĂŒr Zeichenhandlungen:
Diese Reformen, so technisch sie klingen mögen, wurden weltweit als Schritte zu mehr Gerechtigkeit und Partizipation in der Kirchenleitung begrĂŒĂt.
Ein Markenzeichen von Leo XIV ist seine Betonung einer demĂŒtigen, hörenden Kirche. Im Oktober 2025 rief er dazu auf, eine Kirche zu bauen, âdie nicht stolz ĂŒber die Menschen triumphiert, sondern sich niederbeugt, um der Menschheit die FĂŒĂe zu waschen".
Leo XIV sieht Spannungen zwischen Tradition und Fortschritt, Einheit und Vielfalt, AutoritĂ€t und Teilhabe â aber er vertraut darauf, dass der Heilige Geist diese GegensĂ€tze harmonisieren kann.
Leo XIV warnt eindringlich vor âUmweltverwĂŒstung" und fordert von Politik und Wirtschaft mutige Schritte gegen den Klimawandel. Er verbindet Umwelt, Armut und Migration zu einer einzigen Frage der sozialen Gerechtigkeit.
Er scheut nicht unpopulĂ€re Meinungen: So begrĂŒĂte er Schritte zur Abschaffung der Todesstrafe und prangert eine Wegwerfkultur an. Damit erweitert er den klassischen Lebensschutzgedanken auf ein umfassendes soziales Evangelium.
Ein Dauerthema ist der Umgang mit LGBTQ+-Personen. Leo XIV hÀlt unverÀndert an der klassischen kirchlichen Lehre fest, betont aber in aktuellen Interviews, dass jeder Mensch ein geliebtes Kind Gottes ist und in der Kirche willkommen sein muss. Der Spagat zwischen Lehrtreue und Barmherzigkeit bleibt eine Herausforderung.
Leo XIV entschied, das umstrittene Abkommen mit Peking ĂŒber die Ernennung von Bischöfen weiterzufĂŒhren, um den chinesischen Katholiken FreirĂ€ume zu sichern. Kritiker werfen ihm Nachgiebigkeit vor, BefĂŒrworter sehen in ihm einen pragmatischen Diplomaten.
Gleich nach Amtsantritt stĂ€rkte Leo XIV die kirchlichen BemĂŒhungen gegen sexuellen Missbrauch. Im Juli 2025 ernannte er einen neuen PrĂ€sidenten fĂŒr die PĂ€pstliche Kinderschutzkommission und bekrĂ€ftigte Nulltoleranz und Transparenz als Ziele.
Leo XIV hat die âTodesfelder in der Ukraine und Gaza" scharf verurteilt. Er nannte den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine âimperialistisch" und appellierte eindringlich fĂŒr Frieden. In den USA eckte er an, als er die Einwanderungspolitik der Trump-Ăra kritisierte und daran erinnerte, dass echte Lebensrechtsfreundlichkeit auch Migranten einschlieĂt.
Noch steht Leo XIV am Anfang seines Pontifikats, doch die Richtung ist erkennbar. Ende November 2025 trat er seine erste Auslandsreise an â eine Mission des Friedens in einer unruhigen Welt. Die Reise fĂŒhrte ihn in die TĂŒrkei und den Libanon, wo er sowohl politische Akzente als auch interreligiöse BrĂŒcken zu schlagen suchte.
In Istanbul traf er den orthodoxen Patriarchen und betete gemeinsam mit ihm â ein starkes ökumenisches Signal zur Einheit der Christen. Im Libanon, einem Land im Schatten von Krieg und Krise, wurde er von Christen wie Muslimen sehnsĂŒchtig erwartet als HoffnungstrĂ€ger fĂŒr den Frieden.
Wohin fĂŒhrt Leo XIV die Kirche von morgen? Seine Vision scheint klar: Eine Kirche, die vereint ist im Wesentlichen, aber vielfĂ€ltig in ihren AusprĂ€gungen; eine Kirche, die keine Angst hat, sich den Fragen der Zeit zu stellen, und zugleich tief verwurzelt bleibt im Evangelium.
Er verkörpert viel von dieser Einheit der GegensĂ€tze: Den Geist von Chicago â bodenstĂ€ndig, multikulturell, mit Baseball und GroĂfamilie â trĂ€gt er ebenso in sich wie den Geist von Augustinus â geistig tiefgrĂŒndig, suchend, gottzentriert.
Leo XIV hat in den ersten Monaten gezeigt, dass er kein Verwalter des Status quo ist, sondern ein Hirtenpapst mit Visionen. Er ruft uns zu, BrĂŒckenbauer zu sein in einer Welt voller Mauern. Mit leiser Stimme, doch klarer Botschaft, fĂŒhrt er fort, was seine VorgĂ€nger begonnen haben, und setzt eigene Akzente der Hoffnung.